Kintsugi – wenn Brüche zu Gold werden
- bettinastrunk
- vor 1 Tag
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Aktualisiert: vor 19 Stunden

Ein zerbrochener Anfang
Manchmal beginnt eine Erkenntnis mit einem kleinen, unscheinbaren Knacken.
Vor ein paar Wochen zog ich die Küchenschublade auf und fand eine Schale zerbrochen in mehrere Teile vor. Offenbar hatte ich die Schublade etwas zu schwungvoll zugemacht – und schon war es passiert.
Zum Glück war es nicht meine Lieblingsschale. Und doch – einfach wegwerfen wollte ich sie auch nicht. Hinzu kam, dass ich schon seit Monaten, wenn nicht sogar seit mehreren Jahren, vorhabe, einen Kintsugi-Workshop zu machen. Das Schicksal – oder besser: der Wandel – dieser Schale schien besiegelt.
Warum mich Kintsugi fasziniert
Vielleicht weißt du bereits einiges über Kintsugi, die traditionelle japanische Reparaturkunst, bei der zerbrochene Keramik mit Goldlinien wieder zusammengesetzt wird. So wird beschädigten Schalen, Tellern oder Tassen neuer Wert gegeben, indem die Risse geklebt und mit echtem Gold versehen werden.
Was sich so einfach anhört, dauert in Wirklichkeit mehrere Wochen, wenn nicht Monate. Aber was dann zu sehen ist, ist Schönheit pur.
Reparieren statt Wegwerfen
In einer Gesellschaft, in der wir es gewohnt sind, Kaputtes direkt zu entsorgen, anstatt zu prüfen, ob es zu reparieren ist, fällt es schwer, einen anderen Blick darauf zu entwickeln. Zum Beispiel den Gedanken, dass an der Produktion – egal wovon – meist mehrere Menschen beteiligt waren. Dass es in der Regel einen hohen Energieaufwand brauchte, ehe die Schale, der Föhn oder der Schuh bei uns landete. Dass es sogar viele Dinge in unserem Leben gibt, die mit der Zeit so etwas wie eine Seele in sich tragen.
Und kaum erfüllt dieser Gegenstand – aus welchem Grund auch immer – nicht mehr seinen Zweck, wird er entsorgt.
Natürlich – und das weiß ich auch – kann ich nicht über alles und jedes eine Goldlinie ziehen und schon ist alles gut. So lässt sich kein defekter Föhn wieder funktionsfähig machen. Und darum geht es heutzutage ja meistens: dass etwas funktioniert.
Wenn Menschen „funktionieren“ müssen
Ein solches Denken hat sich immer mehr etabliert, wenn es um uns Menschen geht. Wir müssen funktionieren. Schwächen sind nicht nur hinderlich, sie berauben uns auch unseres Wertes, machen uns deutlich, dass wir höllisch aufpassen müssen, um noch dazuzugehören: zum Team, zum Freundeskreis, manchmal zur Familie.
Wir entwickeln Strategien, um unsere Risse, die sich nach und nach immer deutlicher zeigen, zu verbergen. Aber irgendwann geht es nicht mehr. Wir zerbrechen – an unseren eigenen Ansprüchen, vor allem aber an denen, die wir von außen zugelassen haben.
Und jetzt wird es spannend, denn das ist zum Glück nicht das Ende. Hier müssen wir nicht stehenbleiben. Es gibt ein Happy End!
Ehrlicherweise muss ich hinzufügen, dass dieses selten zum Nulltarif erhältlich ist. Aber der Prozess, der meist mindestens so lange dauert wie das japanische Kintsugi, ist ein lohnenswerter Weg.
Brüche gehören zum Leben
Jede und jeder von uns kennt solche Brüche. Meine Oma sagte oft: „Ich bin so kaputt.“ Als Kind habe ich das nicht verstanden – schließlich saß meine Oma noch völlig komplett vor mir. Heute weiß ich natürlich, was sie meinte: am Rande ihrer Kräfte zu sein, sich überanstrengt zu haben, den Punkt, an dem es zu viel war, nicht bemerkt zu haben.
Und damals ging es noch nicht um mentale Gesundheit. Es war ein – scheinbar – rein körperliches Empfinden. Das Wort „Selbstfürsorge“ war noch nicht geboren.
Die leisen Risse
Noch einmal: Wir alle kennen solche Brüche und Risse. Es müssen nicht die ganz großen sein – Trennung, Tod eines geliebten Menschen, Jobverlust oder schwere Krankheit.
Risse, die uns den Wert nehmen, deuten sich oft ganz langsam an. Das sind die gefährlichen. Die, die sich immer wieder unbemerkt in unser Denken über uns selbst, unsere Selbstwahrnehmung und unseren empfundenen Selbstwert einschleichen. Die uns mürbe machen, weil wir immer wieder in dieselbe Falle tappen.
Solche Risse sind das ständige Vergleichen mit anderen oder das weit verbreitete Hochstapler-Syndrom. Es ist das ständige Sich-klein-machen, sich für unwichtig erachten, sich zurücknehmen und anderen den Vortritt lassen. Warum?
Es sind über viele Jahre – manchmal Jahrzehnte – eingeübte Muster, die diese Risse hervorrufen. Es lohnt sich, einen tieferen Blick auf das japanische Kintsugi zu werfen, um zu verstehen, wie dieser Prozess auf unsere eigene Heilungsgeschichte übertragbar ist. Denn darum geht es letztlich: um Heilung.
Was Heilung wirklich bedeutet
Viele meinen, Heilung sei erreicht, wenn der frühere Zustand wiederhergestellt ist. Aber so ist es nicht. Jede Verletzung, jede Erkrankung hinterlässt Spuren. Die meisten sind nur nicht mehr sichtbar – daher kommt diese falsche Annahme.
Für mich ist Heilung etwas anderes: wenn sich mein Blick auf meine Risse verändert. Wenn ich meine Narben – innen wie außen – mit Stolz tragen kann. Wenn ich verstanden habe, was sie mir sagen wollen.
NeuroKintsugi – Goldlinien im eigenen Leben
Wenn ich die Neurographik mit Kintsugi zu NeuroKintsugi verbinde – und damit bin ich, soweit ich weiß, die Erste –, darf es genau darum gehen: zu verstehen, dass mein Wert durch die vielen kleinen und großen Risse, die ich im Leben erfahren habe, nicht geringer, sondern größer geworden ist.
Ich habe etwas weiterzugeben. Jede (goldene) Linie erzählt eine Geschichte. Ich kann sie benennen. Sie begrüßen wie eine Freundin, die mir etwas Lebenswichtiges mitzuteilen hat. Zusammen bilden sie ein Netz, das mich wieder trägt.
NeuroKintsugi übernimmt überwiegend die Elemente der Neurographik. Weil sich die goldene Farbe jedoch nicht mit anderen Farben verbindet und somit ihre Energie kaum an das neurographische Netz abgibt, gehört sie zur NeuroArt. Der künstlerische Aspekt steht also beim Endergebnis im Vordergrund.
Lass das Gold wieder in dein Leben
In Wirklichkeit aber geht es um Transformation. Darum, unser Selbstbild zu korrigieren – und es in Selbstakzeptanz zu verwandeln. Zumindest das. Im besten Fall sogar in Selbstliebe.
Uns anzunehmen mit allem, was zu uns gehört: unsere Lebensgeschichte, unsere Wunden, Entscheidungen, die nicht mehr zurückzunehmen sind – all das will gesehen und verwandelt werden.
Es ist möglich.
Vielleicht ist genau das die Einladung des Lebens: unsere Brüche nicht länger zu verstecken, sondern ihnen einen Platz zu geben.
Und vielleicht beginnt genau dort das Leuchten.
NeuroKintsugi erleben
Die Gedanken aus diesem Artikel sind auch die Grundlage eines Workshops, in dem ich Kintsugi und Neurographik miteinander verbinde.
Dabei geht es nicht darum, etwas „reparieren“ zu müssen. Sondern darum, die eigenen Lebenslinien neu zu sehen – und ihnen Raum zu geben.
Wenn du diesen Weg selbst einmal zeichnend erkunden und weitere kreative Methoden zusammen mit einer kleinen Gruppe starker Frauen erfahren möchtest, findest du hier die entsprechenden Informationen: https://www.sinn-stift-art.de/neurokintsugi-finde-deine-staerke
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