Keine Zeit? Oder etwas ganz anderes?
- bettinastrunk
- vor 20 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Aus den Augen – aus dem Sinn? Die Tür ist zu oder der Laptop heruntergeklappt? Ende und dann nichts mehr?
Bei mir funktioniert das selten.
Ich spreche von meinen Kursen oder besser: von meinen Teilnehmerinnen. So gerne würde ich sie jedes Mal, wenn ein Kurs oder Workshop vorbei ist, weiter begleiten, erfahren, was sich nach und nach verändert, wenn sie weiterhin neurographisch zeichnen. Letztendlich könnte mir das egal sein, aber so arbeite ich eben nicht. Und noch dazu könnte die Frage auftauchen, ob das überhaupt professionell ist. Vor allem, wenn kein Nachgespräch – oder wie das ganz fancy genannt wird: „Follow-up“ oder „Check-in“ – vereinbart war.
Dabei ist es keine Neugier, sondern vielmehr ein großes Interesse, wenn ich meine Kursteilnehmerinnen nach einigen Wochen frage, wie es ihnen zwischenzeitlich mit der Neurographik ergangen ist.
Mal erfreuen mich ihre Antworten, manchmal lassen sie mich fragend zurück. Denn so unterschiedlich jeder Mensch, mit dem ich gearbeitet habe, so unterschiedlich sind auch die Schilderungen, wie es weitergegangen ist. Einige erzählen von wunderbaren Veränderungen, schicken mir Fotos ihrer Bilder oder berichten davon, wenn Angehörige oder FreundInnen eine Veränderung wahrgenommen haben.
Solch erfreuliche Dinge höre ich natürlich nur von denjenigen, die auch nach der Supervision weiterhin regelmäßig zeichnen.
Andere hingegen zeichnen gar nicht oder nur selten. Oft höre ich dann:
„Mir fehlt einfach die Zeit.“
Fehlt wirklich die Zeit?
Für mich ist das ein Lernfeld. Nur weil ich begeistert und überzeugt bin – wovon auch immer –, müssen es andere Menschen nicht sein. Das wäre ja auch komisch.
Trotzdem halte ich dann inne und frage mich, was denn nun der tatsächliche Grund dafür ist, etwas nicht zu tun, was einem aber erkennbar gutgetan hat.
Liegt es wirklich an der Zeit?
Zeit kann ja eigentlich nicht fehlen. Jeder Tag unseres Lebens dauert exakt 24 Stunden. Wo also ist die Zeit geblieben?
Natürlich weiß ich, was damit gemeint ist. Die Zeit fehlt nicht wirklich. Jede und jeder von uns füllt die eigene Zeit eben nur anders.
Problematisch wird es erst dann, wenn nicht wir unsere Zeit füllen, sondern sie permanent gefüllt wird. Von anderen Menschen. Von Umständen. Von Verpflichtungen. Von Erwartungen – echten oder vermeintlichen.
Das erzeugt Druck.
Druck jedoch schadet uns. Nur selten wird daraus ein Diamant.
Was uns antreibt
Das Schwierige ist, dass wir diesen Druck oft erst sehr spät wahrnehmen. Warum bemerken wir das Unwohlsein, das er erzeugt, häufig erst dann, wenn wir längst erschöpft sind? Und warum fallen uns dann Lösungen, die wir sogar kennen und als hilfreich erfahren haben, einfach nicht ein?
Zum einen, weil die eigentlichen Ursachen oft auf einer Ebene wirken, die uns nicht unmittelbar zugänglich ist. Viele unserer Antreiber und Gewohnheiten laufen unbewusst ab. Gleichzeitig greifen wir unter Druck meist auf vertraute Muster zurück – selbst dann, wenn wir längst andere Lösungen kennen.
Erst wenn wir genauer hinschauen und dabei bis ins Innerste ehrlich sind, erkennen wir die Muster, die darunterliegen.
Diese Muster können ganz unterschiedlich aussehen:
Noch mehr leisten. Noch mehr schaffen. Noch fleißiger sein. Weil wir gelobt werden möchten. Weil wir besser dastehen wollen. Vielleicht fühlt sich Stillstand sogar bedrohlich an.
Zu selten fragen wir uns, ob all das überhaupt unserem Wunsch entspricht – oder einer tatsächlichen Notwendigkeit.
Und dann entsteht das Gefühl, einfach keine Zeit zu haben. Womöglich sogar, getrieben zu sein.
Unser Nervensystem befindet sich in permanenter Alarmbereitschaft. Selbst die Einladung zum Geburtstag einer Freundin kann plötzlich wie eine Bedrohung wirken.
Hört sich übertrieben an?
Ich glaube nicht. Außerdem weiß ich sehr genau, wovon ich hier schreibe. Diese Muster sind mir nur allzu vertraut.
Alte Stimmen in uns
Manchmal treiben uns sogar die Stimmen unserer Vorfahren an. Menschen, die ihr Leben unter ganz anderen Bedingungen geführt haben, führen mussten. Die nach dem Krieg unser Land wieder aufgebaut haben.
Vielleicht war da ein Großvater, der sagte: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
Oder eine Mutter, die niemals ruhig sitzen konnte, ohne sofort ein schlechtes Gewissen zu bekommen und uns bei jedem Gang in den Keller, in unser Zimmer ermahnte: "Nie mit leeren Händen geh´n!"
Solche Sätze verschwinden nicht einfach. Oft leben sie in uns weiter, obwohl wir längst in einer anderen Zeit leben. Vor allem solche, über die wir uns früher vielleicht amüsiert haben.
Aber die Zeiten haben sich verändert.
Gerade heute ist es so wichtig, dass wir selbst entscheiden, wohin wir unsere Kraft und Energie geben. Alles geht so schnell, will uns überrollen.
Zwei Hände und ein Kopf reichen schon längst nicht mehr aus.
Die eigentliche Frage
Vielleicht liegt die eigentliche Frage also gar nicht darin, warum wir keine Zeit haben.
Vielleicht sollten wir uns fragen, warum wir uns so oft selbst von der Liste streichen.
Warum fällt es uns leicht, Termine für andere einzuhalten, während wir die Verabredung mit uns selbst immer wieder verschieben?
Und vielleicht steckt noch etwas anderes dahinter: Welchen Nutzen hat es eigentlich, etwas nicht zu tun?
Diese Frage klingt zunächst seltsam. Doch manchmal schützt uns ein Verhalten, das uns gleichzeitig einschränkt.
Vielleicht vermeiden wir etwas, weil wir Angst vor dem haben, was wir entdecken könnten.
Vielleicht erlauben wir uns keine Stunde nur für uns selbst.
Vielleicht verunsichert uns sogar die Veränderung, die bereits begonnen hat.
Genau an dieser Stelle wird es spannend.
Warum Neurographik anders wirkt
Genau hier zeigt sich, weshalb es oft nicht genügt, sich einfach vorzunehmen, etwas anders zu machen. Erkenntnis allein verändert noch nichts.
Und genau deshalb arbeite ich so gerne mit dem neurographischen Zeichnen.
Die Neurographik bearbeitet sowohl die Symptome als auch die Ursache. Und zwar in dem Maße, wie wir es zulassen. Das hat viel mit Neugier und Offenheit zu tun. Also nichts Gefährliches.
Dann ist sie nachhaltig und verändernd. Und sie bringt uns jedes Mal an einen neuen Punkt unseres Denkens und stärkt uns im Alltag.
Wir betrachten diese alten Muster, machen sie sichtbar und verstehen sie und uns besser.
Ab diesem Moment haben wir zwei Möglichkeiten: weitermachen wie bisher oder aktiv verändern, was uns stört.
Wenn wir uns für die Veränderung entscheiden, nehmen wir uns die Zeit dafür.
Und wenn wir es einfach vergessen?
Während ich dies schreibe, kommt mir noch ein ganz anderer Gedanke, weshalb wir das Zeichnen regelrecht vergessen.
Es ist als Werkzeug noch nicht wirklich in unserem Alltag angekommen.
Veränderung braucht Zeit – und vor allem Wiederholung. Neue Gewohnheiten entstehen nicht dadurch, dass wir etwas einmal verstanden haben. Sie entstehen dadurch, dass wir es immer wieder tun.
Hierzu wird bald der nächste Blogartikel erscheinen.
Wenn ich Zeit habe.
Bis dahin kann es ein guter Move sein, eine Stunde in der Woche für ein Treffen mit der Neurographik in den Kalender einzutragen.
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