top of page

NeuroKintsugi: Wenn Lebensbrüche ihre Macht verlieren und zu Gold werden





Es war ein Experiment. Und für dieses Experiment brauchte ich mutige Frauen.

Sechs von ihnen fanden sich am letzten Juni-Wochenende zu einer wunderbaren Gruppe zusammen. Draußen zeigte das Thermometer 38 Grad. Schon allein deshalb hätte man gute Gründe finden können, lieber zu Hause zu bleiben. Doch sie kamen.

Auch ihnen merkte ich an, dass sie nicht genau wussten, was sie erwarten würde. Natürlich hatte ich das Wochenende beschrieben. Sie kannten den Titel und das Thema. Und doch lässt sich manches erst begreifen, wenn wir selbst davorstehen.

Etwa vor der Frage, ob wir wirklich bereit sind, etwas Wertvolles in Stücke zu reißen.

Mutig eben.


Was mich an Kintsugi schon lange berührt

Seit ich Kintsugi kenne, wünsche ich mir, einen Workshop zu diesem Thema zu gestalten.

Kintsugi ist eine japanische Reparaturkunst. Zerbrochene Keramik wird dabei nicht so zusammengesetzt, dass die Bruchstellen möglichst unsichtbar werden. Im Gegenteil: Die Risse werden mit Gold hervorgehoben. Sie bleiben sichtbar und werden zu einem wesentlichen Teil des neu entstandenen Ganzen.

Die Schale soll nicht aussehen, als sei nie etwas geschehen.

Ihre Geschichte darf sichtbar bleiben.

Genau das berührt mich an Kintsugi: Das Zerbrochene wird nicht aussortiert. Es wird nicht versteckt und auch nicht gegen etwas Makelloses ausgetauscht. Die Brüche gehören von nun an zu der Schale. Und gerade die goldenen Linien machen sie unverwechselbar.

Lange bevor mir die Neurographik begegnete, wollte ich diesen Gedanken aufgreifen. Danach ließ mich das Vorhaben erst recht nicht mehr los. Denn in der Neurographik hatte ich eine Verwandte des Kintsugi gefunden.

Anders zwar – und doch erstaunlich ähnlich.


Nicht reparieren, sondern neu betrachten

Wenn wir die Idee des Kintsugi auf unser Leben übertragen, müssen wir vorsichtig sein.

Ein schmerzhaftes Erlebnis wird nicht automatisch gut, nur weil wir später etwas daraus gelernt haben. Ein Verlust wird nicht ungeschehen. Und nicht jeder Bruch muss zur schönsten Stelle unseres Lebens erklärt werden.

Darum geht es nicht.

Es geht auch nicht darum, Leid zu vergolden, bis es im Nachhinein beinahe erstrebenswert erscheint. Manche Erfahrungen hätten wir uns gerne erspart. Manche haben uns lange sehr viel Kraft gekostet. Vielleicht tun sie es noch heute.


Die entscheidende Frage ist eine andere:

Welchen Platz geben wir dem, was geschehen ist?

Bleibt es etwas, das gegen uns arbeitet? Etwas, das wir verstecken, abwerten oder aus unserer Geschichte herausschneiden möchten? Oder dürfen wir eines Tages darauf schauen und sagen:

Ja, das gehört zu mir. Es hat mich geprägt. Aber es bestimmt nicht länger allein, wer ich bin.

Ein Bruch verliert seine Macht nicht dadurch, dass wir ihn leugnen. Oft verliert er sie erst dann, wenn wir ihn anschauen können, ohne uns vollständig mit ihm gleichzusetzen.


NeuroKintsugi: Die innere Arbeit mit den Bruchstellen

An diesem Wochenende hob ich Kintsugi auf eine zeichnerische und biografische Ebene.

So entstand NeuroKintsugi.

Die einzelnen Schritte des traditionellen Kintsugi lassen sich dabei sinnbildlich auf einen inneren Prozess übertragen:

Zunächst steht das Erkennen. Ich nehme wahr, dass etwas eine Bruchstelle hinterlassen hat.

Darauf folgt das Würdigen. Ich lasse auch dem Raum, was unangenehm, schmerzhaft oder widersprüchlich ist.

Beim Klären beginne ich zu sortieren. Was gehört zu mir? Was wurde mir zugeschrieben? Was habe ich verloren? Und was ist vielleicht trotzdem oder gerade dadurch in mir entstanden?

Anschließend werden die Teile neu verbunden. Nicht unbedingt so, wie sie vorher lagen. Das bisherige Bild darf sich verändern.

Beim Integrieren bekommt das Erlebte einen Platz in der eigenen Geschichte. Es muss nicht mehr verdrängt werden, soll aber auch nicht länger alles überstrahlen.

Erst dann kommt das Vergolden: Wir geben dem, was wir erlebt und bewältigt haben, eine neue Bedeutung.


Ein Porträt, das sich verändern durfte

Am Anfang unseres Wochenendes stand ein Porträt oder eine andere persönlich bedeutsame Fotografie.

Bevor wir mit dem Bild arbeiteten, näherten wir uns ihm schreibend. Wir betrachteten es und hielten fest, welche Gedanken, Erinnerungen oder Empfindungen auftauchten.

Man könnte auch sagen: Wir schrieben uns frei.

Das Schreiben half uns, nicht sofort handeln zu müssen. Erst einmal durfte alles da sein. Ohne Bewertung, ohne den Anspruch, schon eine Lösung zu kennen.

Anschließend kam der Moment, der vermutlich für viele der schwierigste war: Wir rissen das Foto auseinander.

Langsam. Behutsam. Sehr achtsam.

Gerade so weit, wie es für jede Einzelne möglich war.

Denn auch das gehörte zu diesem Wochenende: Niemand musste etwas tun, nur weil es in meinem Konzept vorgesehen war. Jede Frau durfte selbst entscheiden, wie weit sie gehen wollte. Ein kreativer Prozess braucht Freiheit. Erst recht, wenn er persönliche Erfahrungen berührt.

Die einzelnen Teile lagen nun auf dem Tisch.

Wir schoben sie hin und her. Veränderten Abstände. Drehten einzelne Stücke. Probierten aus, verwarfen und ordneten neu. Manche Teile rückten näher zusammen, andere weiter auseinander. Zwischenräume entstanden.


Erst als sich eine neue Anordnung stimmig anfühlte, wurden die Teile befestigt. Danach kam das Gold. Es floss durch die Zwischenräume, verband und betonte zugleich.

Die Bruchstellen verschwanden nicht.

Aber sie sahen anders aus.

Am Ende strahlten nicht nur die goldenen Linien. Auch in den Gesichtern der Frauen hatte sich etwas verändert. Etwas war in Bewegung gekommen, für das es vielleicht noch keine fertigen Worte gab.

Und vielleicht brauchte es die auch gar nicht.


Ein Leben besteht aus unzähligen Momenten

Im zweiten Bild richteten wir den Blick auf die Fülle des eigenen Lebens.

Als gestalterische Grundlage diente eine an die Sonnenblume erinnernde Form mit vielen kleinen Flächen. Jede von ihnen konnte für einen Lebensmoment stehen.

Dabei ging es nicht darum, eine lückenlose Biografie zu erstellen. Wir mussten keine Jahreszahlen notieren und auch nicht jedes Ereignis benennen können.

Vielmehr ließen wir den Gedanken zu, dass unser Leben aus unzähligen Momenten besteht, die uns berührt, geprägt, gestärkt oder verändert haben.

Viele dieser Momente sind längst aus unserem bewussten Gedächtnis verschwunden. Und doch können sie etwas in uns hinterlassen haben.

Wir zeichneten bunte Kreise für all das, was zum Leben gehört. Für die Leichtigkeit, die Freude, das Alltägliche, das Überraschende und das kaum noch Benennbare.

Einige Kreise erhielten Gold. Das waren die schweren Momente. Gerade sie bekamen besondere Aufmerksamkeit.

Am Ende war nicht mehr auf den ersten Blick zu erkennen, welcher Kreis für welches Ereignis stand.

Das Schwere war Teil des Ganzen geworden.

Nicht verschwunden. Aber eingebettet in ein Leben, das so viel mehr enthielt als seine Krisen.

Auch ein Leben, das Schweres hervorgebracht hat, ist bunt.

Immer wieder.


Der Baum meiner eigenen Stärke

Den Abschluss am Sonntag bildete der NeuroKintsugi-Baum.

Er gehörte einfach dazu.

Ein Baum trägt seine Geschichte sichtbar in sich. Wind, Trockenheit, Verletzungen und Wachstumsphasen hinterlassen Spuren. Nicht jeder Stamm wächst gerade. Nicht jeder Ast entwickelt sich symmetrisch. Und dennoch kann ein solcher Baum kraftvoll sein, Schatten schenken, Blätter tragen und Früchte hervorbringen.

Der Leitgedanke unseres Bildes lautete:

Der Baum meiner eigenen Stärke – wunderschön im Unperfekten.


Die Wurzeln standen für das, was hinter uns liegt. Für Erfahrungen, Prägungen und auch für Brüche. Nicht alles davon war nährend. Manches war verletzend und hat dennoch dazu geführt, dass wir bestimmte Fähigkeiten entwickeln mussten.

Der Stamm wurde zum Sinnbild für das, was heute trägt: die eigene Haltung, die gewachsene Stabilität und die Art, wie wir inzwischen mit unserer Geschichte umgehen.

Hier zeigte sich für mich besonders deutlich der Gedanke der Selbstwirksamkeit.

Wir können nicht entscheiden, was uns in der Vergangenheit widerfahren ist. Aber wir können mitentscheiden, welche Bedeutung es heute erhält. Wir können wegschauen, verdrängen und uns kleinhalten. Oder wir können beginnen, hinzuschauen, zu unterscheiden und neu zu wählen.

In der Krone öffnete sich der Blick nach vorn.

Dort war Raum für neue Möglichkeiten, für Sichtbarkeit, für das, was noch wachsen darf. Die Früchte konnten für das stehen, was wir weitergeben – aber ebenso für das, was endlich einmal uns selbst gehören soll.

So verband der Baum Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ohne daraus eine einfache Erfolgsgeschichte zu machen.

Nicht alles ist gut geworden.

Aber aus vielem ist etwas gewachsen.


Gold bedeutet nicht: Alles war richtig

Gold ist bei NeuroKintsugi keine Auszeichnung für das Schwere.

Es sagt nicht:

Gut, dass dir das passiert ist.

Es sagt vielmehr:

Du darfst würdigen, wie du damit umgegangen bist. Du darfst sehen, was du bewahrt hast. Du darfst anerkennen, was in dir gewachsen ist.

Vielleicht steht das Gold für Mut. Für Durchhaltevermögen. Für einen Neubeginn. Für Grenzen, die wir endlich gesetzt haben. Für eine Entscheidung, die lange gebraucht hat. Oder für die leise Erkenntnis, dass wir heute freundlicher mit uns umgehen als früher.

Das Gold gehört nicht dem Bruch.

Es gehört der Frau, die weitergegangen ist.


Was von diesem Wochenende bleibt

Sechs mutige Frauen sind mit mir diesen Weg des NeuroKintsugi gegangen.

Sie haben geschrieben, gerissen, neu geordnet, gezeichnet, vergoldet und betrachtet. Sie haben miteinander gesprochen und geschwiegen. Sie haben Tiefe zugelassen und ebenso die Leichtigkeit, die an einem solchen Wochenende unverzichtbar ist.

Es war ein einzigartiges Erleben.

Vielleicht auch deshalb, weil wir nichts „reparieren“ mussten. Keine von uns musste am Sonntagabend als vermeintlich geheilter oder vollkommen neuer Mensch nach Hause gehen.

Aber jede durfte etwas mitnehmen.

Ein Bild. Eine Erkenntnis. Eine Frage. Eine neue Sicht auf einen Teil ihrer Geschichte.

Vielleicht verlieren Brüche ihre Macht nicht in einem einzigen großen Moment.

Vielleicht geschieht es allmählich.

Wenn wir aufhören, sie zu verstecken.

Wenn wir ihnen nicht mehr erlauben, unser ganzes Leben zu erklären.

Und wenn wir beginnen, die goldenen Linien wahrzunehmen, die längst durch unsere Geschichte führen.

"Scherben sind nur eine andere Gestalt des Ganzen. Zusammengefügt mit Respekt und Liebe machen sie dieses noch wertvoller, machen sie es zu einer Vision."

 
 
 

Kommentare


bottom of page