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Biografiearbeit – warum der Blick zurück uns nach vorne bringt

vor 17 Stunden
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Stunden

Erinnern, schreiben, zeichnen – unterschiedliche Wege, dem eigenen Leben zu begegnen.
Erinnern, schreiben, zeichnen – unterschiedliche Wege, dem eigenen Leben zu begegnen.


Vielleicht geht es dir wie manchen Frauen, denen ich erzähle, dass ich Biografiearbeiterin bin. Du denkst wie sie, du müsstest dein ganzes Leben betrachten, wenn du Biografiearbeit machst. Ein Gedanke, der dir womöglich gar nicht gefällt. Dabei ist sie viel mehr als das. Aber was ist Biografiearbeit eigentlich wirklich, und was kann sie für unser heutiges Leben bedeuten?


Biografiearbeit – mehr als ein Blick in die Vergangenheit

Das mag sich widersprüchlich anhören. Aber lass uns kurz das Wort Biografie in seiner ursprünglichen Bedeutung untersuchen: bios = das Leben, graphein = schreiben, zeichnen.

IIn der Biografiearbeit schreiben und zeichnen wir also gewissermaßen unser Leben. In meiner Arbeit nehme ich das durchaus wörtlich, denn ich verbinde die Biografiearbeit mit Neurographik und biografischem Schreiben. Welchen Abschnitt davon, ob den letzten Monat, die ersten zehn Lebensjahre oder das ganze Leben, ist dabei vollkommen egal. Selbst in dem Augenblick, in dem wir am Abend von unserem Tag erzählen, tun wir im Grunde etwas, das auch in der Biografiearbeit eine wichtige Rolle spielt: Wir erinnern uns, wählen aus, ordnen ein und geben unseren Erlebnissen eine Bedeutung.


Wenn ich biografisch arbeite, ob für mich oder mit anderen, geht es immer darum, etwas Wertvolles für die Gegenwart und Zukunft daraus mitzunehmen. Der Blick nach vorne steht also tatsächlich im Vordergrund meiner Arbeit. Wie ich Biografiearbeit, Schreiben und kreative Methoden miteinander verbinde.



Warum es sich lohnt, die eigenen Erfahrungen zu verstehen

Seit ich weiß, wie sehr Erfahrungen aus der Kindheit unsere späteren emotionalen Reaktionen, Erwartungen und Beziehungsmuster beeinflussen können, halte ich es für enorm wichtig, sich auch mit dem früheren Leben zu beschäftigen.

Weil es erklärt. Weil es manchmal eine bislang fehlende Dimension ergänzt. Weil es mich oft barmherziger werden lässt, wenn ich heute allzu streng mit mir und auch anderen bin.


Dies sind nur wenige Gründe, weshalb ich mir die Beschäftigung mit meiner Biografie nicht mehr wegdenken kann. Immer mit dem Wissen, dass ich heute ein anderer Mensch bin, dass ich mein Leben gestalten kann und dass sich frühere Abhängigkeiten möglicherweise längst aufgelöst haben.

Dennoch gibt es diese alten Muster. Oft sind sie uns gar nicht bewusst und doch beeinflussen sie unser Leben. Dies bedeutet aber nicht, dass wir sie nicht verändern können. Indem wir sie erkennen und verstehen, eröffnen sich neue Möglichkeiten, mit uns selbst und anderen umzugehen.

Weshalb es manchmal gar nicht so leicht ist, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, und warum Veränderung Zeit braucht, darüber habe ich bereits in meinem Artikel „Warum wir zurückblicken müssen, um unser Leben gestalten zu können“ geschrieben.


Zur Orientierung dienen mir dabei vier Schritte:


  1. Wahrnehmen: Was war?

  2. Verstehen: Was bedeutet es für mich?

  3. Gestalten: Was bewegt mich heute?

  4. Ausrichten: Was kann ich tun?



Was uns stärkt – der Blick der Positiven Psychologie

Spätestens beim vierten Schritt, wenn es darum geht, was wir selbst tun können, schlage ich den Bogen zur Positiven Psychologie.

Sie beschäftigt sich mit der Frage, was Menschen stärkt, ihr Wohlbefinden fördert und zu einem erfüllten, sinnvollen Leben beiträgt. Im Mittelpunkt stehen persönliche Stärken, Ressourcen, gelingende Beziehungen, Selbstwirksamkeit und die Fähigkeit, Herausforderungen zu bewältigen.

Anders als eine ausschließlich problemorientierte Betrachtung fragt sie nicht nur danach, was Menschen belastet, sondern auch, was ihnen hilft, ihr Leben gut zu gestalten.


Dabei geht es nicht darum, immer positiv zu denken oder unangenehme Gefühle zu vermeiden. Schwierigkeiten und Krisen gehören zum Leben. Entscheidend ist vielmehr, wie wir mit ihnen umgehen und was uns dabei helfen kann.


Je bewusster uns unsere Ressourcen sind, desto gezielter können wir sie bei der Bewältigung schwieriger Situationen einsetzen. Deshalb ist es ein wesentlicher Teil meiner Biografiearbeit, genau jene Fähigkeiten und Stärken wiederzuentdecken, die uns in schweren Zeiten geholfen haben und auch heute noch helfen können.


Oft schauen wir auf andere Menschen, bewundern, wie sie mit Schicksalsschlägen oder Krisen umgehen, und können uns gar nicht vorstellen, ebenfalls über solche Kräfte zu verfügen. Dabei haben wir vielleicht längst selbst Erfahrungen gemacht, die uns das Gegenteil zeigen könnten. Und manches lässt sich auch heute noch entwickeln.



Selbstwirksamkeit – das Vertrauen, etwas bewirken zu können

Einer, der zwar kein Vertreter der Positiven Psychologie war, jedoch wichtige Grundlagen für sie lieferte, war Albert Bandura, ein kanadisch-amerikanischer Psychologe.

Er ging davon aus, dass Menschen nicht nur durch ihre Erfahrungen und ihre Umwelt geprägt werden, sondern durch ihr eigenes Handeln auch ihre Lebensbedingungen beeinflussen können.

Im Rahmen seiner Forschung entwickelte er das Konzept der Selbstwirksamkeit und beeinflusste damit unter anderem die Positive Psychologie sowie modernes Coaching und Beratung maßgeblich.


Selbstwirksamkeit bezeichnet die Überzeugung, aufgrund eigener Fähigkeiten auch schwierige Situationen bewältigen und durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können.


Insofern unterscheidet sie sich vom Selbstwertgefühl. Während es beim Selbstwert darum geht, wie wir uns selbst als Person bewerten, beschreibt Selbstwirksamkeit unser Vertrauen in die eigenen Handlungsmöglichkeiten.


Wir wissen wohl alle, wie schnell wir unseren Wert an Bedingungen knüpfen. Etwa mit dem Gedanken: „Ich bin nur wertvoll, wenn ich entsprechende Leistung erbringe.“

Solche Überzeugungen können unser Selbstwertgefühl erheblich beeinflussen, ohne dass sie etwas über unseren tatsächlichen Wert als Mensch aussagen.


Bei der Selbstwirksamkeit steht dagegen eine andere Frage im Mittelpunkt: Traue ich mir zu, etwas zu erreichen oder zu verändern, auch wenn es schwierig wird?

Und dieses Zutrauen entsteht nicht einfach aus dem Nichts. Es entwickelt sich durch Erfahrungen, die wir machen, und durch das, was wir aus ihnen lernen.



Vier Quellen, aus denen Selbstwirksamkeit entsteht

Albert Bandura beschrieb vier wesentliche Quellen der Selbstwirksamkeit:


  1. Bewältigungserfahrungen: Was wir bereits erfolgreich gemeistert haben, stärkt unser Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

  2. Vorbilder: Zu sehen, wie andere Menschen Herausforderungen bewältigen, kann uns ermutigen, selbst etwas zu wagen.

  3. Ermutigung: Der Zuspruch anderer, aber auch unsere eigene innere Stimme beeinflussen, was wir uns zutrauen.

  4. Körperliche und emotionale Reaktionen: Wie wir Aufregung, Unsicherheit oder Anspannung wahrnehmen und deuten, beeinflusst unser Zutrauen in uns selbst.



Was hat das alles mit Biografiearbeit zu tun?

Wenn wir auf unser Leben zurückblicken, entdecken wir eben nicht nur schwierige Erfahrungen, sondern auch Situationen, die wir gemeistert haben. Wir erinnern uns an Menschen, die uns bestärkt haben, an Herausforderungen, an denen wir gewachsen sind, und an Fähigkeiten, die wir dabei entwickelt haben.

Vielleicht haben wir manches längst vergessen. Vielleicht erscheint uns heute selbstverständlich, was damals eine große Leistung war. Oder wir haben unsere eigenen Möglichkeiten über die Jahre aus dem Blick verloren.

Biografiearbeit kann helfen, diese Erfahrungen und die darin liegenden Ressourcen wieder sichtbar zu machen.

So kann aus dem Blick zurück neues Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten entstehen. Nicht, weil wir uns einreden, alles schaffen zu können. Sondern weil wir erkennen, was wir bereits bewältigt haben, worauf wir zurückgreifen können und wo wir heute neue Wege gehen möchten.

Und genau darum geht es mir in der Biografiearbeit: nicht in der Vergangenheit stehen zu bleiben, sondern aus ihr etwas für das Leben mitzunehmen, das noch vor uns liegt.




Zum Weiterlesen – fachliche Grundlagen


Dami Charf: Die 3 Quellen echten Lebensglücks: Was wirklich wichtig ist für ein erfülltes Leben; Gräfe & Unzer, 2020

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