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Das Ende der Neurographik ist da. Wirklich?

Aktualisiert: vor 1 Tag



Multitasking-Modell: ein neurographisches Bild


So könnte man jedenfalls meinen, wenn man in diesen Wochen die Newsletter, Videos und Beiträge mancher KollegInnen verfolgt. Neue Namen tauchen auf, neue Methoden werden vorgestellt, bisherige Überzeugungen infrage gestellt. Was gestern noch richtig war, scheint heute plötzlich nicht mehr zu gelten.

Auch ich habe mich gefragt, was das für mich bedeutet.

Inzwischen weiß ich: Für mich ist die Neurographik nicht zu Ende. Vielleicht fängt sie gerade erst richtig an.


Wenn Vertrautes ins Wanken gerät

Der Begründer der Neurographik wirft dem Institut, an dem auch ich gelernt habe, unter anderem vor, seine Methode „verwässert“ zu haben. Ein wenig kann ich diesen Vorwurf sogar nachvollziehen. Denn manches, was mir im Netz unter dem Namen Neurographik begegnet, hat mit dem, was ich einmal gelernt habe, nicht mehr besonders viel zu tun.


Gleichzeitig wird behauptet, Diplome könnten aberkannt und Berechtigungen entzogen werden.

Da frage ich mich dann doch, ob vielleicht nicht so genau hingeschaut wurde, als all diese Diplome unterschrieben wurden. Oder was war das damals?


Sorgen mache ich mir deshalb nicht.

Ich weiß, was ich gelernt habe. Ich weiß, was ich kann. Und ich weiß inzwischen auch sehr genau, wie ich weiterarbeiten möchte.

Bis ich an diesem Punkt angekommen war, hat es allerdings eine Weile gedauert.

Als gefühlt ein Newsletter nach dem anderen in meinem digitalen Postfach landete, in dem KollegInnen ihre neue Methode vorstellten, wurde auch ich unsicher. Sollte ich ebenfalls etwas ganz Eigenes entwickeln? Einen neuen Namen finden? Mich deutlicher abgrenzen?

Zutrauen würde ich es mir.

Aber je länger ich darüber nachdachte, desto stärker wurde eine andere Frage:

Warum sollte ich etwas verlassen, das sich für mich bewährt hat, nur weil andere ihren Weg verändern?


Was mir die Neurographik gegeben hat

Die Neurographik war für mich nie nur eine Methode, die ich gelernt habe, um sie anschließend weiterzugeben.

Sie kam in einer Zeit in mein Leben, in der vieles ins Wanken geraten war. Nach einer langen und schweren Krise half sie mir, wieder Bewegung in das zu bringen, was sich festgefahren anfühlte. Beim Zeichnen entstanden Räume, in denen ich sortieren, ausprobieren und neu auf mein Leben schauen konnte.

Nicht jedes Bild brachte eine große Erkenntnis. Nicht jede Linie veränderte plötzlich alles. So funktioniert das Leben nicht – und so möchte ich auch nicht darüber sprechen.

Doch über die Zeit geschah etwas.

Ich verstand manches klarer. Ich wagte Entscheidungen. Ich entdeckte Möglichkeiten, die ich vorher nicht sehen konnte. Und manchmal wurde es einfach stiller in meinem Kopf.


Später durfte ich Ähnliches bei den Frauen erleben, die zu mir in Workshops und Coachings kamen. Ich sah, wie sich während des Zeichnens etwas löste, wie Gedanken Gestalt annahmen oder ein nächster Schritt plötzlich greifbarer wurde.

Und ich sah dieses besondere Leuchten in den Gesichtern nach einer intensiven gemeinsamen Zeit: erschöpft, berührt und zugleich ein wenig aufgerichtet.

All das ist geschehen.


Keine Auseinandersetzung zwischen Instituten und Begründern kann diese Erfahrungen nachträglich ungeschehen machen. Und ich möchte auch meinen Teilnehmerinnen nicht vermitteln, das, was sie gelernt und erlebt haben, sei nun plötzlich nichts mehr wert.

Es bleibt ihre Erfahrung.

So wie meine Erfahrung meine bleibt.


Meine Ideen gehören mir

„Die Gedanken sind frei!“

Immer wieder kommt mir diese Zeile des alten Liedes in den Sinn. In einer Fassung aus der Zeit um 1800 heißt es:


Ich werde gewiß

Mich niemals beschweren.

Will man mir bald dies,

Bald jenes verwehren;

Ich kann ja im Herzen

Stets lachen und scherzen;

Es bleibet dabei:

Die Gedanken sind frei.


Ich denk, was ich will

Und was mich erquicket,

Und das in der Still

Und wenn es sich schicket;

Mein Wunsch und Begehren

Kann niemand mir wehren;

Wer weiß, was es sei?

Die Gedanken sind frei.


Erquicken – was für ein schönes altes Wort.

Genau das hat mir das Zeichnen häufig geschenkt: etwas Leichtigkeit, manchmal ein Lachen, oft eine neue Idee. Es hat mich mit wunderbaren Frauen zusammengebracht und mir ermöglicht, Räume zu öffnen, in denen nicht sofort eine Lösung gefunden werden muss.

Ich könnte noch weiter aus dem Lied zitieren. Aber irgendwann ist von Ketten und finsteren Kerkern die Rede – da höre ich doch lieber auf.

So weit möchte ich den derzeitigen Streit nun wirklich nicht dramatisieren.

Und doch erinnert mich das Lied an etwas Wesentliches: Meine Gedanken, meine Erfahrungen und die Konzepte, die daraus entstehen, gehören mir.

Ich darf auf dem aufbauen, was ich gelernt habe. Ich darf es mit meiner Biografiearbeit, meinem systemischen Blick, der Positiven Psychologie und meiner langjährigen pädagogischen Erfahrung verbinden. Ich darf eigene Modelle entwickeln und neue Zusammenhänge sichtbar machen.

Dafür muss ich nicht behaupten, etwas vollkommen Neues erfunden zu haben.


Nicht die Methode allein macht den Unterschied

In meinem früheren Berufsleben als Lehrerin und Schulleiterin habe ich viele neue Methoden kommen und gehen sehen.

Immer wieder wurde versprochen, nun sei endlich der entscheidende Weg gefunden, auf dem Kinder besser lesen, schreiben oder rechnen lernen würden. Manches davon war hilfreich. Manches verschwand nach einigen Jahren wieder.

Doch mit der Zeit wurde mir immer deutlicher: Keine Methode kann den Menschen ersetzen, der mit ihr arbeitet.

Entscheidend ist auch, ob jemand mit Leidenschaft vermittelt, ob er genau hinschaut und bereit ist, das Gegenüber wirklich wahrzunehmen. Ob er bemerkt, wenn ein Mensch mehr Orientierung braucht – oder mehr Freiheit. Ob er spürt, wann es Zeit ist, eine Frage zu stellen, und wann es besser ist, zu schweigen.

Das gilt für Kinder ebenso wie für Erwachsene.


Vielleicht arbeite ich heute so, wie ich arbeite, weil ich selbst durch Krisen gegangen bin. Vielleicht erkenne ich deshalb schneller, wenn sich hinter einem Satz noch etwas anderes verbirgt. Wenn eine Frau zwar sagt, es sei alles in Ordnung, aber ihre Linien eine andere Geschichte erzählen.

Das ist keine Methode.

Es ist meine Art, auf Menschen zu schauen.

Die Neurographik gibt mir jedoch einen Rahmen, in dem dieser Blick wirksam werden kann. Und genau deshalb möchte ich sie nicht vorschnell gegen etwas austauschen, das einen neuen Namen trägt, aber erst noch zeigen muss, ob es wirklich trägt.


Warum ich bei den Grundlagen bleibe

Seit einiger Zeit höre ich in Videos Sätze wie:

„Wir müssen jetzt keine Fixierung mehr machen.“

„Wir müssen für die Linien keinen schwarzen Stift mehr verwenden.“

„Alle Arten von Linien sind erlaubt.“

Natürlich darf sich eine Methode weiterentwickeln. Auch ich möchte nicht einfach alles unverändert bewahren, nur weil es einmal so gelehrt wurde.

Doch Weiterentwicklung bedeutet für mich nicht, dass sämtliche Grundlagen beliebig werden.

Gerade die besondere Linienführung hat mich an der Neurographik von Anfang an fasziniert. Die kräftigen Feldlinien, die Figuren, die sich aus dem Bild herausheben, und auch die Fixierung, die mich auffordert, mich festzulegen.

Die Fixierung war für mich nie nur ein gestalterisches Element. Sie stellte mir vielmehr eine sehr klare Frage: Was soll hier Gewicht bekommen? Wofür entscheide ich mich? Was darf sichtbar werden?


Vielleicht meldet sich an dieser Stelle die Pädagogin in mir. Ich glaube an Freiheit. Aber ich weiß auch, dass Freiheit einen guten Rahmen braucht, damit sie nicht zur Beliebigkeit wird.

Meine Teilnehmerinnen müssen nicht alles allein herausfinden. Ich darf ihnen zeigen, wie eine neurographische Linie geführt wird und warum bestimmte Schritte zur Methode gehören. Ich darf ihnen Orientierung geben – nicht, um ihre Kreativität einzuschränken, sondern damit sie eine sichere Grundlage haben, von der aus sie ihre eigenen Erfahrungen machen können.

Deshalb werde ich die wesentlichen Elemente der Neurographik weiterhin fundiert und von Grund auf vermitteln.

So, wie ich sie gelernt, selbst erprobt und als hilfreich erlebt habe.

Ich nenne das für mich: Neurographik 1.0.


Ich muss mich für kein Lager entscheiden

Was mich an der gegenwärtigen Situation am meisten irritiert, ist nicht, dass Menschen unterschiedliche Wege gehen. Das dürfen sie. Und ich kann verstehen, dass manche Kolleginnen nach allem, was geschehen ist, einen klaren Schnitt brauchen.

Was mich irritiert, ist die Erwartung, ich müsse mich nun einem von zwei Lagern anschließen.

Auf der einen Seite stehen Drohungen und der Versuch, bisher erworbene Berechtigungen infrage zu stellen. Auf der anderen Seite wird manches von dem relativiert, was zuvor über Jahre hinweg gelehrt und als wirksam dargestellt wurde.

Dazwischen stehen viele TrainerInnen, die Zeit, Geld und sehr viel persönliches Engagement in ihre Ausbildung investiert haben.

Auch ich hätte mir einen anderen Umgang gewünscht. Mehr Verantwortung. Mehr Klarheit. Und vor allem mehr Respekt gegenüber den Menschen, die diese Methode mitgetragen und bekannt gemacht haben.

Aber ich werde meine weitere Arbeit nicht davon abhängig machen, welches Lager die überzeugenderen Erklärungen liefert.

Ich muss mich keinem von beiden zuordnen.

Ich darf meinen eigenen fachlichen Weg gehen.


Nicht weniger, sondern mehr

Je länger ich mich mit meiner beruflichen Zukunft beschäftige, desto deutlicher wird mir: Ich möchte nicht weniger aus meiner Arbeit machen, sondern mehr.

Ich möchte das bewahren, was für mich zum Kern der Neurographik gehört. Gleichzeitig möchte ich noch sichtbarer machen, was ich selbst einbringe: meine Erfahrung als Biografiearbeiterin, meinen systemischen Blick, meine pädagogische Klarheit und mein tiefes Interesse an den Lebensgeschichten von Frauen.

Ich möchte Modelle entwickeln, die zu meinen Themen und zu den Menschen passen, die zu mir kommen.


Manches davon war früher bestimmten Ausbildungsstufen oder sogenannten Spezialistenkursen vorbehalten. Heute bin ich frei, eigene Konzepte daraus entstehen zu lassen – selbstverständlich transparent, fachlich sauber und unter eigenen Namen.

Darin liegt für mich keine Abkehr von der Neurographik.

Es ist vielmehr der nächste Schritt.

Ich habe also nichts verloren.

Im Gegenteil.

Ich habe die Freiheit gewonnen, genauer zu entscheiden, was ich bewahren möchte und was ich auf meine eigene Weise weiterentwickeln werde.

Die Neurographik ist für mich nicht zu Ende.

Sie löst sich lediglich aus einem Rahmen, der zu eng geworden ist.

Und vielleicht fängt sie genau deshalb für mich gerade erst richtig an.

Denn eines weiß ich schließlich:

Die Gedanken sind frei.

 
 
 

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